FLOSS-Kontributionen Minderjähriger und freie Software als Chance für junge Entwickler

Eike wird am Wochenende größere Beiträge zu einem Open Source-Projekt leisten. Deshalb war es an der Zeit, sich Gedanken über die rechtlichen Rahmenbedingungen zu machen. Es klingt erstmal merkwürdig, dass es da irgendein Problem geben sollte, bei Lichte betrachtet gibt es da aber den einen oder anderen Fallstrick. Das ifrOSS (Institut für Rechtsfragen der Freien und Open Source Software hat einen sehr ausführlichen Artikel zum Thema, ich möchte hier aber noch einmal kurz die wichtigsten Punkte zusammenfassen, die sich im Gespräch mit Anwälten ergeben haben.

Nutzung freier Software / Allgemeines

Mit der Nutzung korrekt lizenzierter freier Software (also nicht Public Domain) geht der Benutzer ein Rechtsgeschäft mit dem Urheberrechtsinhaber ein. Die Akzeptanz der Lizenz ist eine Willenserklärung, durch die der Benutzer nicht lediglich einen rechtlichen Vorteil erlangt – mit der Akzeptanz der Lizenz gehen auch Auflagen einher, üblicherweise die Verpflichtung zur Weitergabe unter gleichen Bedingungen, vor allem auch von Veränderungen. Dieses “Problem” betrifft vor allem die GPL und ähnliche Lizenzen; BSD-artige Lizenzen wie z.B. die MirOS-Lizenz solten unproblematisch sein, da der Benutzer hier ausschließlich einen rechtlichen Vorteil, aber keine Verpflichtungen, erlangt. Relevant sind also die folgenden Paragraphen des Bürgerlichen Gesetzbuches:

“Der Minderjährige bedarf zu einer Willenserklärung, durch die er nicht lediglich einen rechtlichen Vorteil erlangt, der Einwilligung seines gesetzlichen Vertreters.”

§107 BGB

Wer eine Schenkung unter einer Auflage macht, kann die Vollziehung der Auflage verlangen, wenn er seinerseits geleistet hat.

§525 BGB

Für Open Source-Projekte ist also zu beachten, dass ein Minderjähriger ohne eine solche Einverständniserklärung unter Umständen nicht zu den durch die Lizenz auferlegten Pflichten herangezogen werden kann. Wirklich relevant wird das aber erst, wenn der Minderjährige tatsächlich in die Situation kommt, diese Auflagen erfüllen zu müssen – die reine Nutzung findet ohne die elterliche Einwilligung zwar theoretisch betrachtet auch ohne Akzeptanz der Lizenz statt, allerdings sollte dabei niemand ein Problem sehen.

Kontribution zu freier Software / eigene freie Software

Die Kontribution zu freier Software wird prinzipiell durch dieselben Paragraphen eingeschränkt. Stellt ein Minderjähriger Code unter eine Lizenz, welcher Art auch immer, so stellt dies eine Willenserklärung dar, zu der er ohne Einwilligung der Eltern nicht befähigt ist. Grundsätzlich kann ein Minderjähriger also ohne Einwilligung der Eltern keine freie Entscheidung über die Weitergabe des Nutzungsrechtes seiner Werke treffen. Die Lizenzgabe als Willenserklärung eines Minderjährigen, dem die Einwilligung der Eltern nicht vorliegt, ist also hinfällig und somit ist jeder Code eines Minderjährigen ohne diese Einwilligung als proprietär zu betrachten.

Freie Software als Chance für junge Talente

Im Zuge der Erörterung der Rechtsfrage wurde auch deutlich, dass freie Software bzw. die Kontribution in Open Source-Projekten eine große Chance für minderjährige Entwickler sein kann. Aufgrund der oben genannten Einschränkungen sowie der mangelnden Geschäftsfähigkeit Minderjähriger kann es ein solcher Entwickler schwer haben, seine Werke in angemessener Form zu veröffentlichen. Außerdem ist die Akzeptanz von Schüler-/Ferienjobs im Bereich IT und Softwareentwicklung zur Zeit noch verschwindend gering; Kinder unter 13 Jahren sind hierbei ganz außen vor. Auch wenn freie Software meistens auch die unentgeltliche Nutzung vorsieht, ist es, vor allem auch für junge Entwickler, ein nachvollziehbarer und wichtiger Wunsch, mit ihren Fähigkeiten eine Kleinigkeit zu ihrem Taschengeld hinzuzuverdienen. In Form von proprietärer Software ist dies normalerweise nicht ohne größere Umstände möglich. Trägt das Kind nun aber zu einem Open Source-Projekt bei (oder schafft es, selber eines zu gründen – siehe weiter unten), so kann dieses Projekt aus seinem Vermögen selbstverständlich den jungen Entwickler in Form einer Schenkung für seine freiwillige Kontribution entschädigen. Zumindest auf der Seite des Kindes ist diese Zuwendung steuerlich nicht relevant. Das Kind oder der Jugendliche erhält also durch die Kontribution zu freier Software sowohl die Möglichkeit, Feedback und Nutzer für seine Werke zu bekommen, als auch die, eine finanzielle Anerkennung zu erhalten. Interessant hierfür sind noch die folgenden Paragraphen aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch:

“(1) Die Eltern haben die Pflicht und das Recht, für das minderjährige Kind zu sorgen (elterliche Sorge). Die elterliche Sorge umfasst die Sorge für die Person des Kindes (Personensorge) und das Vermögen des Kindes (Vermögenssorge).

(2) Bei der Pflege und Erziehung berücksichtigen die Eltern die wachsende Fähigkeit und das wachsende Bedürfnis des Kindes zu selbständigem verantwortungsbewusstem Handeln. Sie besprechen mit dem Kind, soweit es nach dessen Entwicklungsstand angezeigt ist, Fragen der elterlichen Sorge und streben Einvernehmen an.”

§1626 BGB

Mehr Mentoring durch Unternehmen

Um die oben erörterten Chancen zugänglicher zu machen, werden im Wesentlichen drei Dinge benötigt:

  • mehr Unternehmen, die co-finanzierte FLOSS-Projekte durchführen
  • mehr Unternehmen, die sich bereit erklären, das Mentoring für junge Entwickler zu übernehmen
  • mehr Aufklärung über freie Software in für Kinder, Jugendliche, Eltern und Lehrer zugänglicher Form

Zur Zeit arbeite ich an einem Projekt, um genau das zu verwirklichen.

Elterliche Einwilligung zur Kontribution im Bereich Freie Software / Open Source

Als Ergebnis dieser Erörterungen habe ich eine schriftliche Einwilligung erstellt, mit der Eltern ihr Kind zu den oben genannten Punkten befähigen und ihm damit die (fast) uneingeschränkte Kontribution in FLOSS-Projekten ermöglichen können. Das Dokument steht hier unter der CC-BY-SA zum Download bereit:

Elterliche Einwilligung zur FLOSS-Kontribution eines Minderjährigen (PDF | HTML)

Empfehlungen zu Lizenzen

Zuletzt möchte ich noch meine eigene Sichtweise zum Thema FLOSS-Lizenzen als Empfehlung oder Anregung einbringen.

Grundsätzlich stelle ich Projekte, die ich persönlich, zum Beispiel aus akademischer Motivation, durchführe, unter die Simplified BSD- oder MirOS-Lizenz. Projekte, die ich gemeinsam mit Eike durchführe, stellen wir, um den größtmöglichen Schutz seiner beachtlichen Leistungen sicherzustellen, unter die GNU General Public License 3.0 bzw. Webanwendungen unter die GNU Affero General Public License 3.0. Ähnliches gilt für Projekte, die ich im Kundenauftrag als co-finanzierte Entwicklung durchführe.

Fazit

Auch, wenn die Erörterung all dieser Fragen doch recht anstrengend war, ist sie natürlich unabdingbar, um Kinder und Jugendliche bestmöglich zu schützen. Ich bin froh, einen Weg gefunden zu haben, der Eike (und hoffentlich auch Anderen) eine Möglichkeit bietet, ihre Talente frei zu entfalten und sich in der für sie angenehmsten und besten Form in die Community einzubringen!

Selbstverständlich weise ich darauf hin, dass dieser Beitrag keine rechtliche Beratung darstellt und nur meine, prinzipiell als laienhaft zu betrachtende, Zusammenfassung der Erörterung darstellt.

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